Wer hier schreibt
Der Umweg
Neun Jahre Anzug, dann noch einmal von vorn. Warum ich mit zweiunddreißig in die Pflege gegangen bin und was ich dort gesehen habe, das mich nicht mehr losgelassen hat.
Mit dreiundzwanzig hatte ich einen Beruf, den man vorzeigen kann. Anzug, eigener Schreibtisch, Zahlen, die stimmten. Ich war gut darin. Ich habe später sogar Auszubildende angeleitet und ihnen beigebracht, wie man ein Gespräch führt, in dem der andere sich sicher fühlt.
Neun Jahre lang.
Und dann bin ich mit zweiunddreißig noch einmal in die Schule gegangen.
Ich könnte jetzt sagen, es war eine Berufung. Das wäre zu ordentlich. Es war eher so: Ich saß in einem Beruf, in dem ich jeden Tag gut war, und hatte abends nicht das Gefühl, dass es jemandem geholfen hätte. Nicht wirklich. Nicht so, dass es einen Unterschied macht, ob man morgens hingeht oder nicht.
Die Ausbildung zum Pflegefachmann fiel in die Pandemie. Das war keine gute Zeit zum Lernen, aber es war eine ehrliche. Man sieht dort in drei Jahren mehr über Menschen als in neun Jahren im Büro.
Danach war ich auf der Intensivstation.
Wenn du dort arbeitest, betreust du zwei oder drei Menschen gleichzeitig, und das ist nicht wenig, das ist das Maximum. Du lernst, in Sekunden zu entscheiden, was zuerst dran ist. Du lernst auch, was passiert, wenn niemand das dreißig Jahre vorher entschieden hat.
Denn das ist die Sache, die man dort begreift und nie wieder loswird: Die meisten Menschen, die ich dort gesehen habe, sind nicht an einem einzigen Tag dort gelandet. Es war ein langer, unauffälliger Weg. Zu wenig Schlaf. Zu wenig Bewegung. Zu viel von dem, was kurz hilft. Und niemand, der irgendwann gesagt hat: Schau mal, wo das hinführt.
Nichts davon klingt nach einer großen Sache. Genau deshalb übersieht man es.
Was mich dann noch einmal woanders hingebracht hat, war eine zweite Erkenntnis, und die war unbequemer. Die beste Versorgung nützt wenig, wenn sie an Formularen scheitert. Ich habe zu oft gesehen, dass etwas medizinisch richtig war und trotzdem schieflief, weil es an einer Schnittstelle hängen blieb.
Also bin ich für eine Weile auf die andere Seite gegangen, dorthin, wo über die Fälle entschieden wird. Nicht weil es dort schöner ist. Sondern weil ich die Regeln lernen wollte, nach denen dieses System tatsächlich läuft.
In der Zeit habe ich über fünfhundert Entlassungen und Überleitungen begleitet. Fünfhundertmal die Frage: Was passiert mit diesem Menschen, wenn die Tür hinter ihm zufällt?
Und irgendwann stand da die Frage, die zu allem hier geführt hat.
Ich hatte inzwischen beide Enden gesehen. Ich wusste, wie es aussieht, wenn es zu spät ist, und ich wusste, warum es danach oft trotzdem nicht besser wird. Was ich nirgends gesehen hatte, war der Anfang. Der Punkt, an dem jemand noch gesund ist und niemand mit ihm redet, weil es ja noch nichts zu regeln gibt.
Da war ich in beiden Berufen nie zuständig.
Sport hat mich die ganze Zeit begleitet, seit ich denken kann. Kraftsport, Laufen. Das ist die andere Hälfte, und es hat gedauert, bis ich gemerkt habe, dass beide Hälften zusammengehören. Im Studio redet niemand über Schlaf. Auf Station redet niemand über Krafttraining. Und der Mensch, um den es geht, hat beides.
Und wo ich gerade stehe
Seit Herbst 2025 studiere ich berufsbegleitend an einer Privatschule: Anatomie, Physiologie und osteopathische Verfahren, mit dem Ziel, die Kenntnisprüfung nach dem Heilpraktikergesetz abzulegen.
Was das heute bedeutet: nichts an dem, was ich anbiete. Die Heilpraktikererlaubnis habe ich nicht. Bis ich sie habe, arbeite ich ausschließlich präventiv und gesundheitsfördernd. Keine Untersuchung, keine Behandlung, kein Feststellen von Erkrankungen.
Warum ich es trotzdem mache, hat nichts mit dem Titel zu tun. Ich will Anatomie und Physiologie tiefer verstehen, als es für meine Pflegeausbildung nötig gewesen wäre. Und weil ich mir vorgenommen habe, nie etwas zu behaupten, das ich nicht belegen kann.
Und deshalb fängt hier nichts mit einem Plan an
Sondern mit der Frage, was du wieder können willst. Nicht, was bei dir falsch läuft. Das ist kein Wortspiel, das ist der ganze Unterschied.
Und, was wäre das bei dir?
DAS ZEICHEN
Vier Adern, ein Blatt
Beim Ginkgo gibt es keine Mittelrippe und kein Adernetz wie bei anderen Blättern. Jede Ader kommt aus einem Punkt am Stiel und gabelt sich immer weiter, alles aus einem Ursprung, verzweigt, und trotzdem ein Blatt. Tippe eine Ader an.
Vier Adern, ein Stiel. Es gibt nicht die eine Säule, die alles stützt, es ist immer ein Miteinander statt eines Gegeneinanders.
Der Ginkgo ist ein lebendes Fossil: die einzige überlebende Art einer ganzen Pflanzengruppe, deren Verwandte man als Versteinerungen aus der Jurazeit kennt. Sein Artname biloba heißt „zweilappig", das Blatt hat oft einen Einschnitt in der Mitte und sieht dadurch aus wie zwei zusammengewachsene. Goethe hat 1815 genau darüber ein Gedicht geschrieben.
DAS INTERVIEW
28 Fragen, 28 Antworten
Gestellt und aufgenommen am 10. August 2026. Jede Antwort steht hier zum Lesen und lässt sich anhören, mit seiner Stimme, so wie sie aufgenommen wurde.
Der Anfang
Wie aus einem Gedanken ein Entschluss wurde.
Aus Athletik und aus Synergie.
Athletik ist für mich das Nonplusultra dessen, was man erreichen kann: ein fitter Körper, ein fitter Kopf, Beweglichkeit, Ausdauer, Kraft, kognitive Leistungsfähigkeit , und das Gefühl, gesund zu sein.
Synergie verstärkt das, weil es das Zusammenspiel von Körper, Psyche und Sozialem meint. Daraus ergibt sich ein Gesamtbild, und das ist athleticasyn.
Wer ich bin
Was mich ausmacht, und was mir nicht liegt.
Mich nicht von jemandem abhängig zu machen, sondern meinen eigenen Weg zu gehen. Nicht in einem Angestelltenverhältnis hängen zu bleiben, weil es gesellschaftlich anerkannt ist.
Der Arbeitgeber ist der Letzte, der an meiner Beerdigung stehen wird, und der Letzte, der mich in einer Krankheit unterstützt. Diese vorgespielte Loyalität gilt, solange man funktioniert. Sobald Probleme da sind, wird man fallen gelassen wie eine heiße Kartoffel.
Sich das bewusst zu machen, tut unheimlich weh, bei mir hat es das auch. Aber es führt dazu, dass man sich traut, für sich selbst einzustehen.
Woran ich glaube
Was Gesundheit für mich ist, und was ich nicht verspreche.
Gesundheit ist nicht die Abwesenheit von Krankheit, sondern etwas, das wir jeden Tag neu erfahren.
Ich stehe morgens auf, fühle mich nicht gerädert, habe keine Rückenschmerzen, blicke in den Tag und kann ihn genießen, wie an einem Urlaubstag, an dem die Sonne scheint, die Liebsten um einen herum sind, man aus dem Fenster schaut und denkt: das ist ein schöner Tag.
Dieses Gefühl jeden Tag zu haben, das ist für mich Gesundheit.
Dass Disziplin so hochgehalten wird. Disziplin bedeutet nichts anderes als: ich zwinge mich dazu.
Sicher gibt es Tage, an denen man sie am Anfang braucht. Aber die Lösung ist die Gewohnheit, es in den Alltag zu integrieren, es zu schätzen und sich nicht dafür zu bestrafen, wenn man es einmal nicht macht. Ich mache es gern. Ich liebe den Sport, ich esse gern gesund, und ich hasse mich nicht dafür, wenn ich mal etwas Schlechtes esse.
Das Zweite ist dieses Schrittesammeln. Es sollte ein Spaziergang sein, bei dem ich die Natur wahrnehme und genieße, vielleicht in Begleitung. Dann schalte ich ab und habe viel mehr davon als nur verbrannte Kalorien. Auch das ist Gesundheit.
Dass ich dein Problem allein löse. Ich übernehme nicht die Verantwortung für dich, ich begleite dich, unterstütze dich, gebe dir Hilfestellung. Deinen Teil musst du selbst beitragen.
Ich gebe dir keine Pille, die alles möglich macht, kein Supplement, keine eine Übung, die alle Probleme löst, und keine Ernährungsform, die alles regelt. Das gibt es nicht.
Das Zeichen
Warum ein Blatt, warum ohne Haut, warum dieser Farbverlauf.
Ginkgobäume bedeuten die Symbolik der Widerstandskraft und der Verbundenheit. Das unterstreicht für mich den Synergieeffekt und meine Philosophie zwischen Athletik und Synergie und dem Drei-Säulen-Modell.
Das heißt: Gesundheit als Ganzes, und dann die mentale Ebene, also die psychische Säule, dann die soziale Säule und dann das Körperliche. Ich finde, das Ginkgoblatt beschreibt all das in seiner ganzen Form und in seiner Geschichte.
Genau das ist meine Philosophie. Im Körper haben wir Venen, Arterien, das Nervensystem, Muskeln, Faszien, Organe, und alles zusammen ergibt den Körper.
So empfinde ich Gesundheit: Es gibt nicht die eine Säule, die alles stützt, es ist immer ein Miteinander statt eines Gegeneinanders. Das ist die Basis für alles, und das hält den Stiel.
Zum Schluss
Was bleiben soll.
Ich mag diese Frage nicht. Wie im Vorstellungsgespräch, die Leute wissen meist selbst nicht, wo sie in fünf Jahren sind. Bis dahin kann so viel passieren.
Ich möchte den Moment genießen, das Leben jetzt, das, worauf ich gerade Lust habe, und dafür brennen. Zukunftsgedanken sind schön und regen zum Philosophieren an, sie können aber auch erschreckend sein und ernüchternd wirken, wenn man sie nicht erreicht oder unterwegs merkt, dass man woandershin will.
Da offen und klar zu bleiben und im Moment zu sein, das ist die Stärke.
Die Texte sind aus den Aufnahmen abgeschrieben und in Sätze gebracht, sonst unverändert. Bei zwei Antworten zum Logo sind Aussagen herausgeschnitten, die als Werbung für ein Arzneimittel gelten könnten, dafür gelten strenge Regeln, und Nils macht dazu keine Angaben.
Nils Jansen ist examinierter Pflegefachmann und arbeitet als Gesundheits- und Präventionscoach. Er stellt keine Diagnosen und behandelt keine Erkrankungen. Dieser Beitrag ist keine individuelle Gesundheitsberatung und ersetzt keine ärztliche Untersuchung. Bei gesundheitlichen Beschwerden ist die ärztliche Abklärung der richtige Weg.
